Auf einem Schiff vor der Küste Amsivars

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Auf einem Schiff vor der Küste Amsivars

Beitrag  Gast am Di 12 Jul 2011 - 2:36

Die Feder flog förmlich über das Pergament. Trotz des leichten Schaukelns auf der Furor musste er unbedingt die Erinnerungen auf das Pergament bannen, solange diese noch frisch waren. Ein fremdes Land, wahrhaftig - aber als Angehöriger und Vertreter eines für diese Menschen fremden Glaubens und als Reisender eines Landes, das den einheimischen hier bestimmt kein Begriff war, war er sehr herzlich aufgenommen worden. Wie einen der Ihren hatten sie ihn aufgenommen und ihn die Wunder ihrer Kultur gezeigt.
Er las noch einmal seine soeben vollendeten Zeilen:

"Der Geselligkeit und Gastfreundschaft frönt kein anders Volk verschwenderischer. Den geringsten der Sterblichen nicht im Hause aufzunehmen gilt als schwerer Frevel. Ist im ersten Hause nicht genug Speis und Trank für die entsprechenden Gäste vorhanden, so wird man freudig zum Nachbarn geführt; und es macht nichts aus, mit gleicher Freundlichkeit wird man dort empfangen. Zwischen Bekannt und unbekannt macht niemand, soweit es sich um das Gastrecht handelt, einen Unterschied. Sie freuen sich über Geschenke, aber sie rechnen Geschenktes nicht vor und fühlen sich durch Empfangenes nicht verpflichtet. Sogleich nach dem Schlaf, den sie in kriegerischen Zeiten entsprechend kurz, ansonsten aber gern bis zum Tage ausdehnen. Darauf nehmen sie Speis und Trank an gemeinsamer Tafel zu sich, hoher Adeliger, Ritter, Bürger, Handwerker und Knecht, Männer und Frauen an einer Tafel. An selbem Tische frönen sie des Abends Gelage und Würfelspiel; Tag und Nacht im Trunke zu einem zu machen ist hier für niemanden ein Vorwurf. Die wie unter Betrunkenen üblichen, häufigen, Streitereien enden nur selten mit Mord und Wunden, häufiger mit Zänkereien und einem schnellen Vergeben. Auf gegenseitige Versöhnung von Feinden, Wahl von Fürsten, über Krieg und Frieden beraten sie bei Gelagen in dem Glauben, dass mit Hilfe von Honigwein die Lüge schwerer fällt und ein Mann die Wahrheit spricht. Am anderen Tage wird nachberaten, und so erfüllt sich der Sinn beider Zeitpunkte. Sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen vermögen, beschließen, wenn sie sich nicht irren können. Ihre Herrscher zeichnen sich seit jeher aus durch eine große Gerechtigkeit und tapferen Edelmut - die edelsten ihrer Könige und Königinnen, so scheint es, haben sie nach deren Tod als Götter auf einen besonderen Thron erhoben, ähnlich latinischer Sitte und verehren diese doch auf eine sehr eigenwillige, aber fromme und gutmütige Art und Weise. Sie leben im Einklang mit den Zwergen, welche im Gebirge wohnen, das Gardas genannt. Auch die Elben zählen sie zu ihren Bundesbrüdern und -schwestern. Kriegerisch und grausam werden die Amsivaren allerdings, wenn es gegen Grünhäute und Schwarzpelze, Trollwesen und Häretiker geht, die ihren Glauben mit Gewalt durchzusetzen trachten.
Als Getränk dient Ihnen selbstgewonnener Honigwein oder auch ein Getränk aus Gerste oder Weizen, zu einer gewissen Weinähnlichkeit vergoren: Die dem Ufer nächsten kaufen auch Wein und tragen die Kenntnis von dessen Anbau in das Landesinnere.
Würfel, worüber man sich wundern muss, spielen sie nüchtern wie etwas ernstes, mit einer solchen Leichtfertigkeit im Gewinnen und Verlieren, dass sie, ist alles verloren, mit dem allerletzten Wurf um Freiheit und Körper streiten.
Vom Sumpfe Graschguhl zum Gebirge Gardas, vom Meer im Norden über die Amisia zum Walde Flurion im Süden erstreckt sich dieses Land, reich an Wundern, voll von natürlichen Schätzen und bewohnt von Menschen, welche im Wesen gut, doch von starken Königen mit ebenso starken Armeen, regiert werden."

Mit einem leichten Schluckauf schloss der Mönch das Buch mit dem schweren Ledereinband. Er hatte es geschafft und trotz seiner leichten Trunkenheit, ein leichter Nachhall seines letzten Besuches bei den Amsivaren, war er zufrieden mit seiner Leistung.

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