Charaktergeschichten - Owen McCallaghan

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Charaktergeschichten - Owen McCallaghan

Beitrag  Owen McCallaghan am Di 30 Jul 2013 - 15:52

Owen schnaufte. Sein Blut kochte, seine Sicht war eingeschränkt.
Sein Schildarm war schwer und sein Morgenstern hatte sich bereits durch die Schulterblätter von zwei seiner ketzerischen Kontrahenten gearbeitet. Blut tropfte in langen roten Fäden von den Spitzen, die an der stählernen Kugel angearbeitet waren. Die Schreie um ihn herum füllten seine Ohren, sowohl die der Verwundeten als auch die der noch immer Kämpfenden.
Ein wenig orientierungslos sah er sich um.

"LOS! RAN JETZT, OWEN!", brüllte eine Stimme neben ihm.
Mit unfokussiertem Blick sah er, dass es Rakulur war. Freund und Mitstreiter. Aber im Moment stand ihm genau die selbe Anstrengung im Gesicht geschrieben wie ihm. Auch seine Rüstung und Kleidung waren bespritzt vom Blut seiner Opfer und mit zugekniffenen Augen schaute er Owen an.
"Schließ die Reihen!", befahl er erneut und sah dann wieder nach vorne.

Mit einem Ruck hob Owen seinen Schild an. Die Spitze hatte sich schon ein wenig in den aufgeweichten Boden gebohrt und mit einem leisen Schmatzen löste sie sich vom Grund. Er hob seinen Morgenstern, so dass die Kugel über seine Schulter auf seinen Rücken rollte, damit er möglichst schnell wieder zuschlagen konnte.
Langsamer als er hätte sein dürfen schloss er die Schildreihe wieder, aber die Lücke war schon bemerkt worden.

Ein kupferner Schwertkämpfer schmiss sich gegen Owen, der ihn nicht hatte kommen sehen, und versuchte um seinen Schild herum zu schlagen. Glücklicher Weise ging der Streich mit dem Schwert daneben und wurde von einem wuchtigen Hieb des Morgensterns des Amsivaren erwidert. Dieser zertrümmerte dem Angreifer den Oberarm und die Haut platzte auf um den Blick auf das geschundene Fleisch freizugeben.
Der Ketzer schrie vor Schmerz, versuchte das verwundete Glied zu stützen und Owen holte zum Gnadenhieb aus, doch da brach ein weiterer Schwertkämpfer dazwischen und hieb auf den Schildarm des Kettenhundes ein.
Der Schlag wurde vom Schildrand verfälscht, doch die Spitze des Schwertes schnitt tief in das Fleisch des Schildarmes.

Blitze zuckten durch Owens Blickfeld. Sein Magen verkrampfte sich und plötzlich wurde ihm kalt. Seine Augen waren aufgerissen und sahen auf den Schnitt, aus dem nun ein Blutstrom quoll. Schnell verfärbte sich das braune Hemd dunkelrot und noch bevor Owen aus seiner Trance erwachte folgte ein weiterer Hieb. Diesmal von einer Hellebarde und auf die Brust des Amsivaren. Das Kettenhemd verhinderte Schlimmeres, aber die Wucht drückte ihm die Luft aus der Lunge, er stolperte einen, zwei Schritte zurück und schüttelte dann den Kopf, während er nach Atem rang.

Der unverletzte Schwertkämpfer suchte wieder eine Lücke, aber dieses Mal war Owen schneller. Aus der Drehung heraus wuchtete er unter heftigen Schmerzen und größter Anstrengung seinen Schild hoch, blockte einen Schlag und hieb voll gerechtem Hass auf den Ketzer ein.
Die Stahlkugel bohrte sich in den Leib des Leichtgerüsteten, riss Haut auf, zertrümmerte Knochen und zerquetschte Organe.

Doch inzwischen waren die Ketzer ihm zahlenmäßig überlegen und Owen sah nur noch, wie eine Hellebarde auf seinen Rücken zusauste - als das Geräusch von Stahl auf einem Schild ihn aus dem Stoßgebet riss, welches er gerade losschickte. Als er die Augen öffnete sah Rakulur ihn finster an, den Schild vor ihn gehalten.
"Komm hoch, es gibt noch Arbeit zu tun!", brüllte er in seinem typisch harten, aber nicht unbedingt unfreundlichen, Tonfall.

Owen nickte, raffte sich auf und versuchte so gut es ging die klaffende Wunde zu ignorieren - aber sie forderte ihren Tribut. Das Schild hing unnütz am Arm, aber die Schlacht war eh schon so gut wie vorbei. Die Ketzer waren besiegt und nur noch Einzelne versuchten standzuhalten.

Der letzte Ketzer, der sein Ende durch Owen fand, war ein Bogenschütze, der verirrt herumlief und dessen Pfeil noch nicht auf der Sehne lag. Er rannte dem Amsivaren quasi in die Arme und wurde von dessen Morgenstern zermalmt.

Lange noch betrachtete Owen die zusammengekrümmten Leichen, welche auf dem Feld lagen. Viele waren aufgeschlitzt, zerstümmelt oder von Wuchtwaffen zermalmt worden... und wieder konnte er nur den Göttern danken, dass er nicht seine letzte Ruhe auf dem Feld der Ehre gefunden hatte. Auch aus ihren Reihen waren Tote zu beklagen, aber die Klagerufe oder den Siegesjubel nahm er gar nicht wahr.

Jemand berührte seinen Arm. Er schreckte auf, wirbelte herum und wollte schon zuschlagen, als Belaija ihn ansah. Mit Sorgen im Blick.
"Owen... wie geht es dir?", fragte sie ein wenig zaghaft.
"Schnittwunde am Arm... sonst nichts Schlimmes.", erwiderte er leise und merkte dann erst, wie erschöpft er war.
Ein Wasserträger brachte ihm zu Trinken, welches er hastig hinunterstürzte.
"Komm mit, ich bringe dich zu den anderen Heilern und versorge dich, ja?", sagte Belaija und deutete in die Richtung einer Stelle auf dem Feld, wo viele Menschen lagen, schrien und behandelt wurden.
"Nein... kümmert Euch um Leute mit schwereren Wunden, ich komme schon klar.", raunte er.
Erbost sah die Leibheilerin von Duran ihn an.
"Gib Ruhe und komm mit!", sagte sie, dieses Mal bestimmter und fast schon ein bisschen verärgert.

Also ging er mit ihr. An anderen Stellen auf dem Feld sah er Rakulur, der an der Schulter getroffen worden war, Eneridor, der ein wenig humpelte und Wulfgard, der aussah wie immer, wenn er aus einer Schlacht kam - von oben bis unten bedeckt in Knochensplittern, Blut und anderen Körperflüssigkeiten und Teilen seiner Opfer. Ansonsten schien es ihm gut zu gehen.

Als Belaija ihn aufforderte sich zu setzen und anfing seinen Arm zu versorgen, sah Owen in den Himmel. Wolken zogen auf und die Sonne wurde ein wenig dunkler - glücklicher Weise, denn so wich auch die Hitze ein wenig.
Der Schmerz durchzuckte seinen Arm, als die Heilerin die Wundränder säuberte und sich die Nadel durch sein Fleisch bohrte, aber Owen war schon weit weg.

Sein geistiges Auge führte ihn zurück in ruhigere Tage, an denen er sich mit Asdis noch ein Zimmer in der Motte von Duran teilte. Er sah seine angetraute Ehefrau vor sich, das goldene Haar mit Stroh gespickt und im Wind wehend. Wie sie lachte, wenn sie auf Scalli reitend ihr Leben genoss und wie sie sich ärgerte, wenn das Pferd mal nicht das tat, was es sollte. Wie sie mit den Amsivaren zusammen im Zelt gesessen und gefeiert hatten.

Wie sie vor Schmerzen schrie, als die Eingläubigen sie zurückbrachten. Wie leer ihr Blick war, als sie auf der Bank liegend geheilt wurde. Wie sie sich schämte, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, das makellose Gesicht so schwer gezeichnet durch die Misshandlungen der Hexe. Wie sie abends vor dem Spiegel weinte, weil sie ihren Anblick nicht mehr ertrug. Wie hilflos er sich gefühlt hatte und noch immer fühlte. Wie er sich Vorwürfe machte dafür, dass seiner Frau das passiert war. Wie machtlos er war gegen das Schicksal, welches sie ereilt hatte.

"Owen, ist alles in Ordnung?", hörte er eine Stimme fragen. Belaija sah ihn besorgt an.
"Ja, ja... alles in Ordnung.", murmelte er und riss sich wieder in die Gegenwart.

Niemals würde er sich verzeihen können... niemals.
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