Úlfurs Weg

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Úlfurs Weg

Beitrag  Owen McCallaghan am Mo 10 Dez 2012 - 23:49

Der Mond schien hell auf die Lichtung des Waldes, welcher auf den Ländereien des Duran von Bärenfels lag.
In der Mitte kauerte eine Gestalt.

Das grau mellierte Wolffell sträubte sich im Wind, unregelmäßig und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde das Tier noch leben.
Der braune Rock, welcher nunmehr in Fetzen die Beine der Gestalt, welche dort zu sehen war, bedeckte, bewegte sich rhythmisch zu einem unhörbaren Takt. Die Rassel aus Ziegenhufen und die mit Knochensplittern gefüllte Knochenkugel erfüllten die Luft mit Klängen jenseits des Greifbaren und dazu mischte sich ein leiser, tiefer Gesang.
Vor der Gestalt lag ein Reh, völlig ausgeweidet und auf dem Waldboden verteilt.
Im fahlen Licht des Mondes blitzten spitze Zähne unter der gehobenen Oberlippe des Mannes hervor.
Die dreckigen, fahrigen Finger fuhren durch die Därme und schienen etwas zu suchen. Zwar ungeduldig, doch konzentriert wälzte er um, schlitzte mit einem scharfen Stein auf und wülte sich weiter durch die Innereien.
Dann, als er die Suche schon fast aufgegeben hatte, wurden die Augen groß.
Mit einem lauten Knacken brach er den Brustkorb entzwei und vergrub seine Hände in der Lunge. Tatsächlich, er fühlte es.

Der scharfe Stein fuhr mit Wucht in den rechten Lungenflügel und öffnete ihn mehr mit roher Gewalt als mit chirurgischer Präzision.
Was er suchte war nicht zerbrechlich.

Als die grobe Arbeit getan war fuhr er wieder mit seinen Fingern durch die fleischige, feste Masse, die einst die Lunge des Rehs gewesen war.
Da fand er es.
Mit einem Ruck löste er es aus dem Gewebe und rieb es an seinem Hemd sauber. Es dauerte eine Zeit, das Blut war schon teils geronnen und klebrig, aber als er fertig war hielt er den faustgroßen Gegenstand dem Mond entgegen.
Mattgrün schimmerte die Oberfläche und Úlfur grinste sein spitzes Grinsen. Kurz über die Lichtung hüpfend preiste er Elenya für diesen Fund.

Eine Vragusknolle.
Bisher hatte er sie nur einmal gesehen, allerdings in den Händen eines großen Alchemisten, der damit sicherlich mehr anfangen konnte als er, aber es ging ihm nicht so sehr um den Nutzen der Knolle sondern viel mehr darum, dass er nun eine Vermutung hatte, wo man sie fand.
Sie waren keine Pflanzen, eher eine Art Verschmelzung von fleischlichem Gewebe mit Pflanzensamen, die in die Lunge eintraten. Die Samen fingen natürlich nicht an zu keimen, aber um sie herum bildete sich eine Schicht verhärtenden Gewebes, welches besondere Inhaltstoffe speicherte.

Mit einem wonnigen Grinsen biss er hinein.
Die Knolle schmeckte wie Eisen, hatte eine Konsistenz von gekochter Leber (nur etwas körniger) und als er hineinbiss spürte er einen wohligen Schauer, welcher ihm über den Rücken lief. Lange lange Zeit hatte er auf den erneuten Genuss dieser Knolle gewartet und nun hatte er eine Ganze, alleine für sich.

Während er noch einen zweiten Bissen genüsslich kaute sah er sein Werk auf der Lichtung an.
"Das kannst du doch nicht so liegen lassen.", raunte eine Stimme in seinem Kopf.
"Natürlich kann er, aber er wird es nicht. Das gäbe nur Ärger.", hörte er eine andere Stimme flüstern.
"Ruhe ihr Zwei, vermiest mir nicht den Augenblick!", fauchte er dazwischen.

Stille.

Dann sah er ein, dass die erste Stimme Recht hatte. Er konnte es tatsächlich nicht so liegen lassen.
Also räumte er die Innereien ein wenig zusammen, steckte sie wieder zurück in den Leib des Rehs und bedeckte die klaffende Wunde an der Seite des Tieres mit Ästen und Blättern.

Er wusste, dass die Tiere des Waldes sich bald über den Kadaver her machen würden. Das Liegenlassen war also keine Verschwendung sondern eher ein Dienst am Wald und somit an Elenya.

Die andere Hälfte der Knolle steckte er in einen seiner Lederbeutel und verschloss ihn mit einem süffisanten Grinsen.
Das hatte sich gelohnt.


Er erinnerte sich gerne zurück an den Tag, als er die Knolle das erste Mal gekostet hatte.
Er war damals im Norden Amsivars auf einen Nomadenstamm getroffen, welcher auf der Durchreise durch die Lande war und ursprünglich gar nicht aus Amsivar stammte. Die Männer und Frauen des Stamms waren größtenteils von robuster Natur. Wettergegerbte Gesichter, windgepeitschtes Haar, welches sich wirr um die groben Züge der Nomaden legte und Kleidung, die zwar auf Nutzen ausgelegt war, die aber dennoch durch kunsthandwerkliche Ausführung und stellenweise bunte Färbungen beeindruckte.
Diese stolzen Leute waren nicht gebunden. Weder an die Herrschaft Amsivars noch an die anderer Herrschaftsgebiete - nur die Erde, auf welcher sie ihr Vieh mit sich trieben und auf welcher ihre Pferde liefen band sie, auch wenn man hin und wieder den Eindruck hatte, dass nicht einmal diese Bindung endgültig war. Wenn sie so über die weiten Grassteppen galoppierten schien es für kurze Momente, als würden sie fliegen.
Und so hatte er sie kennengelernt - wild, rau und doch zivilisiert und gastfreundlich, zumindest im Rahmen der ihnen gegebenen Möglichkeiten.
Eine Frau war ihm ganz besonders aufgefallen. Sie hatte helle Augen, die strahlten wie die Spiegelung der Sonne auf einer Wasseroberfläche und Haare so rot wie die Flammen des Feuers, welches in dem Geist ihres Volkes brannte. Marjana hieß sie, das konnte er sich merken. Erstaunlicher Weise. Aber sie hatte sich viel mit ihm unterhalten - hatte ihm die Sitten und Bräuche ihres Volkes näher gebracht und ihn dem Stamm vorgestellt.
Er konnte sich nicht erklären warum, aber seine kurze Zeit bei den Nomaden war wohl die inspirierendste Zeit in seiner spirituellen Reise auf dem Pfad, welchen er beschritten hatte, als er sein Leben dem Weg Elenyas verschrieb. Er hatte ihnen Gutes prophezeit, hatte ihnen vorausgesagt, dass ihre Reisen geschützt verlaufen und sie ohne menschliche Verluste oder Tragödien an ihrem Ziel ankommen würden.
Danach hatte er dieses Volk leider nie wieder gesehen. Nur Marjana ein einziges Mal. Damals war er in Baliho auf dem Wochenmarkt um sich mit Kräutern einzudecken, als er sie plötzlich durch die Menschenmenge hinweg sah.

Die roten Haare wehten im Wind und als dieser aussetzte waren sie kurz unschlüssig, nur um sich dann auf den Schultern der Frau niederzulassen. Und neben ihr stand ein kleines Mädchen.
Nachdem er sie traditionell begrüßt hatte beugte Úlfur sich zu dem Kind hinunter und lächelte sie an.
"Idena", sagte Marjana nur, mehr Worte brauchte es auch nicht.
Úlfur nickte und mit dem gleichen, unveränderten Lächeln auf den Lippen sprach er einen Segen Elenyas über das Kind.
Als er fertig war verneigte er sich vorsichtig vor der Mutter und sagte Lebwohl, da er kaum Hoffnung hatte sie je wiederzusehen.
Sie war Nomadin und wahrscheinlich nur auf Besuch in Baliho und er war ein einsamer Wanderer auf der Suche nach Erleuchtung. Dass sie sich ein zweites Mal getroffen hatten grenzte schon an ein Wunder.


Mit einem kurzen Kopfschütteln löste er sich aus der Erinnerung und bahnte sich seinen Weg zurück in die Realität.
Gedankenverloren schlurfte er in Richtung seines Nachtlagers in der Nähe der Burg Bärenfels.
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